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Am Donnerstag, 04. Juni 2020, treffen wir uns um 20 Uhr zur  online-DenkBar und  sprechen über das Thema „Dies Bildnis ist bezaubernd schön …“.

Der Ausgangspunkt für dieses Thema war einerseits unsere Diskussion über wirklich und unwirklich und den daraus resultierenden Gedanken: jeder formt seine Wirklichkeit als „Abbild“ seiner realen „Umwelt“. Mit unseren Sinnen nehmen wir unsere Umwelt auf. Diese „Aufnahme“ (visuell gleich einem Foto) ist abhängig von der Empfindlichkeit unserer Sinne, aus der Empfindung wird durch Einbeziehen von Erfahrung, Gelerntem, aktueller Situation und Stimmung eine Wahrnehmung, die in uns wirkt. Das „Abbild“ ist also unsere persönliche Wirklichkeit. Daraus entsteht Energie, die wir in Verhalten, Reaktion oder Arbeit umsetzen und z.B. mit Menschen unserer Umgebung kommunizieren/teilen. Vielleicht entsteht und wirkt ein Energiefeld.

Aus der realen Welt entsteht also ein „Abbild“.

Was passiert denn, wenn wir nicht die reale Welt sehen, sondern schon ein Bild der realen Welt?

Rainer Maria Rilke hat 1908 in Paris sein Gedicht“ Archaïscher Torso Apollos“ geschrieben. Mit seinen Versen lässt er die Dinge gleichsam selbst sprechen, um den Menschen eine unmittelbare Erfahrung der sie umgebenden Welt zu ermöglichen. Das Gedicht hält die Eindrücke fest, die der Betrachter eines Torsos des Gottes der Dichtkunst Apollon erfährt. Die Statue schaut den Betrachter eindringlich an: „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.“ Und schließt mit dem letzten Vers: „Du musst dein Leben ändern.“

Der Betrachter sieht ein Bild – das Bild eines Wesens (hier der Torso Apollos) schaut den Betrachter des Bildes an – wirkt also auf ihn ein. Der Betrachter sieht das „Bild“ und hat davon ein „Abbild“, das auf ihn einwirkt: „Du musst dein Leben ändern.“ Man könnte das als die wirksame Energie erkennen.

Als einen ähnlichen Prozess kann man die Arie des Pamino in der Zauberflöte deuten. Pamino sieht das Bild der Pamina. Aus dem Bild entsteht in ihm ein „Abbild“, das wirksam wird und in ihm Wirklichkeit: er verliebt sich in dieses „Abbild“. Und in der Folge – über den Umweg der zunächst als altes Weib auftretenden Pamina trifft er auf das reale Wesen. In der Zauberflöte zum Glück mit Happy End. In modernen Dating Situationen führt sicher oft das „Abbild“ eines „Bildes“ des Dating Partners/der Partnerin zur „Ent-Täuschung“ beim realen Aufeinandertreffen.

Wir können uns also dem Zauber des „Bildes“ oder „abbildes“ mit den zwei Ansätzen nähern: Rike und Mozart/Schikaneder …

Archaïscher Torso Apollos ist der Titel eines Gedichts von Rainer Maria Rilke.

Die Verse lauten:

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.

Aufbau und Struktur – so sagt es Wikipedia – nach handelt es sich um ein Sonett mit fünfhebigen jambischen Versen und dem Reimschema [abba cddc eef gfg]. Die Quartette verwenden umarmende, außen männliche, innen weibliche Reime. Das erste Terzett beginnt mit einem Paarreim, nach dem die Struktur wieder alternierend verschränkt wird ([fgfg]).

Etwas vergleichbares in Aufbau und Struktur finden wir in der Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ in der Oper Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart. Auch hier ein Sonett mit fünfhebigen jambischen Versen aber mit dem Reimschema [aabb ccdd eef ggf].

Dies Bildnis ist bezaubernd schön,
wie noch kein Auge je gesehn!
Ich fühl‘ es, wie dies Götterbild,
mein Herz mit neuer Regung füllt.

Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen,
doch fühl‘ ich’s hier wie Feuer brennen,
soll die Empfindung Liebe sein?
Ja, ja, die Liebe ist’s allein.

O wenn ich sie nur finden könnte,
O wenn sie doch schon vor mir stünde,
ich würde, würde, warm und rein!

Was würde ich? Ich würde sie voll Entzücken
an diesen heißen Busen drücken,
und ewig wäre sie dann mein.

Das Entscheidende in beiden Sonetten ist, dass das Bild etwas mit dem Betrachter macht. Rilke sagt, „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“ Und in der Zauberflöte bewirkt das Bild eine Änderung. Im einen Fall die Aufforderung, selbst aktiv zu werden, im anderen Fall passiert es einfach: „Ich fühl‘ es, wie dies Götterbild, mein Herz mit neuer Regung füllt.“

Bilder wirken auf uns und in uns. Impulse von außen und Wirken oder Verhalten in uns.

Bitte mitteilen, ob Du teilnimmst, gerne darfst Du auch noch jemanden einladen und „mitbringen“.

[Anmeldung] und bitte die technische Beschreibung für die Teilnahme lesen.

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