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Verloren geglaubte Gedanken

Wir werden wachgerüttelt, weil wir nicht bereit waren es selbst zu tun

Sommerzeit – wieder eine Umstellung. Und wie wenig sie uns dieses Mal betrifft, allmählich verliert man das Zeitgefühl. Überlegen: Mittwoch oder schon Donnerstag, was war denn gestern. Was macht da schon eine Stunde Umstellung. Und dabei haben wir erst gestern über die Zeit gesprochen. Zeit, um Natur, Frühling, die Blüten und Blumen wahrzunehmen. Wir dürfen die Zeit erspüren – ohne Hektik. Was sind wir jetzt? Ein Teil der Welt – zu der wir den Bezug verloren haben?

Ja, die Zeit scheint gerade still zu stehen – unsere Gedanken nicht. Wir erleben die Brüche in der Gesellschaft, die Ängste, die sich in den Unmengen Klopapier äußern, um Angst abzureagieren, sich für das Ungewisse abzusichern. Einkaufen, horten, Schuldige suchen, das Unwirkliche negieren.

Innehalten und nachdenken. Natürlich fallen uns als Erstes gleich unsere materiellen Verluste ein. Wirtschaftlicher Niedergang, ärmer werden. Und es kann jeden treffen. Sind sie da wieder, die sieben Todsünden, die uns auf einmal einholen. Lernen wir daraus? Ich hoffe es, aber ich bin auch sehr skeptisch, ob die Menschheit wirklich etwas dazulernt und sich verändert.

In der Vergangenheit haben wir in dem Wahn gelebt: Der Mensch ist ein höheres Wesen und soll sich die Erde untertan machen. Sophokles lässt in seiner Tragödie „Antigone“ den Chor sprechen:

Zahlreich ist das Ungeheure, doch nichts ungeheurer als der Mensch:
Dieses Wesen fährt auch über das graue Meer im Sturm des winterlichen Süd und schlägt sich durch
unter rings verschlingendem Wogenschwall, und der Götter Höchste,
die Erde,
die unerschöpfliche, unermüdliche,
beutet er aus, wenn seine Pflüge sich drehen Jahr um Jahr und er sie durchfurcht mit dem Rossegeschlecht.

Und die Menschen finden auch noch eine Aufforderung für dieses Verhalten (Genesis 1,28). „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ Und wir erleben sie täglich: die einen (Trump und Co) sorgen sich nur um die Wirtschaft. Zu gemeinsamen Entschlüssen kommen die G7 nicht, nur weil einer auf der Bezeichnung Wuhan-Virus besteht. Wie schwachsinnig muss man eigentlich sein, um nicht endlich die politischen Machtspiele hintan zu stellen. Die anderen, die diese Krise schamlos für ihr Machtkalkül ausnutzen (Orban) und die Diktatur einführen. Die Liste lässt sich beliebig weiterführen. Sind wir davor gefeit? Spielen unsere Politiker auch mit ehrgeizigen Machtgedanken und stellen sie über das Wohl der Bürger? Und wir selbst?

Und dass das mit dem Unterwerfen nicht funktioniert zeigt sich in diesen Tagen deutlich. Wir sind eben doch nur ein Teil der Natur und ihr ausgeliefert. Wir täten gut  daran, mit ihr fürsorglich und verantwortungsvoll umzugehen. Werden wir wachgerüttelt, um zur Besinnung zu kommen und umzudenken?

Ich habe das Bild von Eliana neben diesen Text gestellt. Sie hat es im letzten Kurs „Handlettering“ geschrieben. Ein Bild voller Hoffnung und Zuversicht: „Singet fröhlich Gott, der unsere Stärke ist.“

Brüche bewirken vielleicht Umbrüche. Die täten uns ganz gut, aus der Hektik und der heftigen Betriebsamkeit zurückzufinden zu Ruhe und Gelassenheit. Ich hoffe sehr, dass aus den Brüchen neue Aufbrüche geschehen, vielleicht lernen wir etwas aus der Krise und den Fehlern der Vergangenheit. Aufbruch in eine bessere Gesellschaft.

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