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EIn Beitrag von Jana Markefka zur Diskussion in der DenkBar vom 30.07.2020

Unter Konventionen lassen sich viele Begriffe subsumieren.
Konventionen können als gesellschaftliche Erwartungen verstanden werden als allgemeine Regeln, die ausgesprochen oder unausgesprochen gelten. Als Gepflogenheiten, die je nach Kulturkreis, sozialem Umfeld, beruflichem Kontext und familiärer Prägung recht unterschiedlich ausfallen können.
Es gibt nicht DIE Konventionen. Konventionen sind stets abhängig von einer bestimmten Bezugsgröße sowie von der individuellen Entwicklung, der Selbst- und Fremdwahrnehmung bzw. der antizipierten Beurteilung durch andere. So kann das gleiche Verhalten bzw. der Lebensstil eines Menschen je nach Umfeld als Handeln gemäß der Konventionen betrachtet oder auch als unangemessen bewertet werden.
Wenn wir Konventionen auf den Kopf stellen, bedeutet dies eine Umkehrung von einer Art Glaubenssatz. Von etwas, das man bisher als richtig, als „normal“ empfunden hat. Somit muss man sich im Kontext dieses Themas zunächst die Frage stellen, welche Konventionen in unserem privaten und auch beruflichen Leben eine Rolle spielen und mit welchen wir gebrochen haben oder brechen möchten. Vielleicht gibt es auch Konventionen, die wir uns selbst auferlegt haben, die sich aber letztlich immer wieder als nicht förderlich, nicht effizient oder ungesund erwiesen haben.

Konventionen funktionieren meiner Meinung nach in einer Art Schubladensystem. Das Handeln wird kategorisiert in richtig oder falsch. So werden die pflichtbewussten, verantwortungsvollen, zuverlässigen, ehrlichen Menschen in die Schublade „gemäß der Konvention“ eingestuft, während Menschen, die auf irgendeine besondere Art und Weise auffallen, vermeintlich egoistisch handeln, Konflikte nicht scheuen oder auch die Wahrheit schon mal etwas verdrehen, als schlecht und nicht systemkonform gesehen, sie ecken an.

Während in der einen Familie bei Feiern gerne und viel Alkohol getrunken und laut gesprochen und gelacht wird, entspricht ein Gast, der anders sozialisiert und ruhiger ist und den Abend eher mit alkoholfreier Schorle verbringt, nicht den gewünschten Konventionen und man fragt sich, was mit dem wohl „los sei“. Auf der anderen Seite empfindet der Gast selbst, das Verhalten der anderen als unangemessen, als zu laut, übertrieben und ggfs. als peinlich.

Was passiert nun, wenn wir mit Konventionen brechen, sie auf den Kopf stellen?

Im genannten Beispiel führt dies zunächst zu Irritationen, vielleicht auch zu Beleidigungen, wenn z.B. das trinkfeste Familienmitglied plötzlich den Alkohol weglässt oder andersherum das bisher stillere Familienmitglied laut wird, sich betrinkt und ein paar Sprüche raushaut … eine sehr amüsante Vorstellung.

Menschen, die mit Konventionen brechen, sind für andere unbequem, ungemütlich, falsch, bestenfalls mutig und bewundernswert, aber das wird wohl in den seltensten Fällen so großzügig bewertet. Letztere Einschätzung dürfte nur von Menschen geäußert werden, die selbst einen Wunsch nach Veränderung haben. Menschen, die realisiert haben, das in dem bestehenden System etwas schief läuft oder einfach anstrengend ist.

Konventionen schaffen Strukturen, Traditionen, geben letztlich Sicherheit und Schutz. Jeder weiß, wie er in seinem System „zu funktionieren hat“. Sie sind also nicht unser Feind, wie wir vielleicht manchmal denken, wenn wir merken, dass unsere Bedürfnisse den bisher für richtig geglaubtem Regelwerk nicht entsprechen.

Sich nicht gemäß der erwarteten Konventionen zu bewegen, kann auch einen Verlust an Respekt und Anerkennung im bisher gewohnten und vertrauten (Um-)Feld bedeuten. Man stößt auf Unverständnis, vielleicht auch auf großen Widerstand. Somit haben viele Menschen Angst mit Konventionen zu brechen, da dies ja einen Verlust an Sicherheit und Stabilität bedeuten kann. Sie meinen, es muss eine Art Revolution stattfinden, die das System aus den Angeln hebt und ihnen selbst fehlt die Kraft deren Anführer zu sein. Aber letztlich geht es doch nicht immer darum ein komplettes Feld umzupflügen und alles neu anzupflanzen, das empfinden wir nur selbst so und bewerten es so streng. Das Rezept für eine erfolgreiche Veränderung ist eher eine sukzessive Planung und Umstrukturierung, die trotzdem Spontaneität und Flexibilität, Intelligenz und gleichzeitig Temperament und Charme zulässt.

Es ist eine Kunst Konventionen nicht im Hauruckverfahren zu brechen, um gleichzeitig sein bisheriges (Um-)Feld bestellen zu können und seinen Horizont auf neuen Äckern mit exotischen Früchten entdecken und pflegen zu können. Warum nicht ein drittes und viertes Feld bestellen? Das heißt doch nicht gleichzeitig, dass die ersten beiden schlechter sind?!

Reizt uns die Kokusnuss mal mehr als der Apfel im Garten, brauchen wir uns nicht gleich von ihr erschlagen lassen, sondern beginnen zunächst mal damit eine kleine Palme anzupflanzen, die uns gleichzeitig Energie und Schatten spenden kann. Trinkt der stille Gast statt Traubensaftschorle die Weinschorle, eckt er wohl weder im einen noch im anderen System auffallend an. Und vor allem dürfte er dabei jede Menge Spaß haben! Leert er aber direkt das ganze Fass, sollte er ein größeres Problem bekommen, das nicht mehr belebend ist…

So bricht dieser Text wohl auch mit einer Konvention, einem Format, wenn er versucht sich einerseits auf intellektuelle Art und Weise dem Thema anzunähern und gleichzeitig Beispiele nennt, die in diesem Kontext nach Norm wohl eher überraschend bzw. unpassend sein dürften.

Mit Konventionen brechen, muss nicht etwas zerbrechen heißen, es muss nicht bedeuten, komplett etwas umzubrechen, denn das kann schmerzhaft und sehr anstrengend sein. Konventionen für sich erfolgreich zu verändern, das erfordert Gelassenheit, Geduld und den Mut etwas vermeintlich Verrücktes zu tun. Immer und immer wieder. Das belebt ungemein und zieht bestenfalls auch das kontrollierteste System und deren Mitglieder sukzessive in eine nachhaltige Veränderung, von der alle profitieren können.

Also los, reißen wir andere Menschen in kleinen Schritten mit, ziehen sie in unseren Bann und gestalten wir eine Welt, die viel bunter sein kann, als sie jetzt ist, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass neue Konventionen eine Bedrohung für alte sind. Neugierig sein, die Welt der anderen entdecken und sich auf ihre Perspektive unvoreingenommen einlassen, sich mehr vernetzen und gegenseitig inspirieren statt ständig zu bewerten oder zu verurteilen.
Einfach sein und das Leben in allen Facetten, die es bietet, genießen. Und zwar JETZT!

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