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Leben hat die höchste Relevanz

Wichtig oder Dringend?

– Jetzt die Zeit zum Umdenken nutzen –

Eine Antwort auf den 20200422-Der-utopische-Raum – Vom Dringlichen zum Wichtigen
Autor*innen Vera King und Hartmut Rosa
in der Reihe „Der utopische Raum“
zum Thema „Selbstoptimierung – Die Zukunft einer Illusion“.

Vor nunmehr über dreißig Jahren habe ich bei Lothar Seiwert ein Zeitmanagement-Seminar besucht.
Und damals hat er mich mit einer Frage herausgefordert und beeindruckt. In einem Diagramm (siehe linkes Bild)  mit vier
Quadranten, wo auf dem Achsenkreuz in der Horizontalen die Pole nicht dringend (links) – dringend
(rechts) und in der Vertikalen die Pole unwichtig (unten) und wichtig (oben) aufgetragen sind, sollten
wir die Aufgaben entsprechend A (höchste Bedeutung), B, C und D (niedrigste Bedeutung)
eintragen. (Anregung: vor dem Weiterlesen hier einfach mal selbst versuchen!!)

Diese Frage habe ich während vieler Beratungen und Seminaren in der Zwischenzeit vielen
Menschen gestellt. Und immer wieder habe ich dieselben Antworten erhalten. Für nahezu alle
Befragten sind A-Aufgaben die mit der höchsten Wichtigkeit und Dringlichkeit.
Lothar Seiwert hat uns damals vor Augen geführt, dass gerade A-Aufgaben sind, die die höchste
Wichtigkeit und keineswegs die höchste Dringlichkeit haben. Also eher sehr wichtig und nicht
dringend.
Vera King und Hartmut Rosa haben es so ausgedrückt: Aufgaben mit hoher Wichtigkeit werden
verschoben, da gerade nicht dringend, und dann vergessen.
Gerade jetzt in der Zeit der Corona-Krise gibt es ohne Zweifel die Suche nach Antworten auf Fragen
aus dem Tagesgeschehen, die hohe Dringlichkeit haben. Nur leider wird gerade die Zeit – und die
haben viel reichlich – nicht genutzt, um sich um wichtige, also nur wichtige Aufgaben zu kümmern.
Welcher Chef holt schon seine Mitarbeiter*innen zusammen, um über Strategien nachzudenken,
Ideen und Veränderungen zu diskutieren, wie die Welt nach Corona aussehen könnte? Natürlich
wissen wir nichts, wir können nur spekulieren, phantasieren, spinnen, über Mögliches und
Unmögliches diskutieren, die eigene Welt einmal auf den Kopf stellen, wie das gut gewählte Foto uns
zeigt. Welche Schulleitung holt das Kollegium durchaus auch in einer Videokonferenz zusammen, um
über Schule im Exit oder nach dem Exit nachzudenken. Statt dessen warten wir alle auf die große
Erlösung von oben, z.B. aus dem Bildungsministerium, eine Ansage, was sollen wir machen. Wir
haben immer noch nicht die Selbständigkeit gelernt, von der wir so oft geträumt, geredet und
gewünscht haben. Jetzt, wo wir die Zeit hätten, sitzen wir da und harren der Dinge, die angesagt
werden. Und hoffentlich dreht sich das Rad wieder zurück und alles kehrt in den Zustand vor Corona
zurück.
Unternehmer, Führungskräfte, Direktoren, Minister und eigentlich jeder einzelne hat versäumt und
inzwischen auch verlernt, über das konkrete Jetzt, die akuten Tagesanforderungen über das
nachzudenken, was in der Zukunft passieren könnte. Mit anderen Worten: strategische Planung ist
schon in den zurückliegenden Jahren vergessen worden, das in der Hochkonjunktur dafür keine Zeit
war. Es war ja nicht dringend. Die Gewinnmaximierung war angesagt – und das ist sie
erschreckenderweise heute schon wieder: schneller Exit, Geschäfte, Kirchen, alles öffnen. Zurück
zum alten Wahnsinn.
Ich bewundere alle, die heute den Mut haben, nicht nur die Risiken anzusprechen, sondern auch mit
dem Bewusstsein des Risikos zu Handeln, also ungeliebte, unangenehme Entscheidungen zu treffen.
Appelliert wird an die Vernunft, aber wer will schon vernünftig sein. Wir wissen nichts – und das war
schon immer so, dass die Zukunft im Dunklen liegt. Wir kennen die Lösung nicht. Aber wir könnten
uns mit dem Ungewissen beschäftigen, Strategien durchdenken, Alternativen diskutieren, unsere
kleine Welt einmal auf den Kopf stellen, um aus dem Perspektivwechsel das Leben zu betrachten.
Und dabei den wichtigste Gedanken, den Vera King und Hartmut Rosa an den Schluss ihres Artikels
gestellt haben, erörtern: was ist lebensrelevant. Alleine schon der Begriff „systemrelevant“ hebt alles
auf eine technische, abstrakte Ebene. Was und wer ist System? Es geht einfach um Leben. Und der
Blick unter Berücksichtigung der Risiken muss die „Lebensrelevanz“ in den Vordergrund stellen. Um
nicht weniger geht es – und Leben hat die höchste Wichtigkeit.

 

 

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