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Ausstellung in der Fondation Beyerler in Riehen/Basel

bis 17 Mai 2020, www.fondationbeyerler.cj

Was passiert, wenn man eine Ausstellung besucht und es sind so viele Besucher da, dass man nicht zu den Bildern vordringen kann. Bisher habe ich das vor Jahrzehnten im Louvre erlebt: Mona Lisa. Dabei habe ich mich nicht einmal bemühen wollen, um sie von Nahem zu betrachten. Eine Menschenwand vor dem Kunstwerk – und alle wollen es oder müssen es gesehen haben. Man muss es einfach gesehen haben.

Hinsehen, ansehen, betrachten und anschauen … so viele Wörter im Deutschen für einen Vorgang. Sicher finden wir noch mehr, die sich in den Nuancen unterscheiden. Aber das Wichtigste heute ist – ein Foto zu machen, damit man es zu Hause ansehen kann.

So habe ich gerade wieder erlebt. Viele, viele Menschen in der Fondation Beyerler, sie pilgern zur Ausstellung der Bilder von Edward Hopper. Lange Schlange vor der Kasse, Menschentrauben vor den Bildern und jedes Bild wird fotografiert. Nur das Betrachten und Wahrnehmen, was die Bilder mir sagen? Ob das wirklich erst dann gelingt, wenn man die Fotos dann zu Hause betrachtet?

Neben den Bildern auch wieder lange Schlangen vor der Vorführbox, um den 3D-Kurzfilm von Wim Wenders zu sehen, den er im Auftrag der Fondation Beyerler gedreht hat.

Aber nun einfach von vorne. Die Ausstellung ist in Gruppen gegliedert: Landschaftsbilder, die vom Spiel mit dem Licht leben, Häuser, die sich eher nach der Schwingung der Hügellinie richten als der Konstruktion eines Architekten. Figurative Bilder, die gleich an das Bild „People in the sun“ erinnern. Hier sind es die Möwen auf einer Sandbank, alle gleich ausgerichtet, obwohl gerade ein Segelboot durch die Wellen zieht. Typisch auch die veränderte Linienführung: die Linienführung der Kajüte eher an die Sandbank und den Horizont angepasst, ähnlich den Häusern in der Landschaftslinie.

Häuser, viele Häuser – es mutet schon fast wie naive Malerei an,  und doch erzählen sie immer dann eine Geschichte, wenn ein Mensch zu sehen ist. Die Frau in der Tür, wen erwartet sie, was beobachtet sie. Auch die Frau im Erker, die hinausschaut in die für uns nicht sichtbare Gegend.

Wim Wenders folgt Edward Hopper und belebt die Bilder, erzählt die Geschichte durch die Bewegungen. Teilweise als Filmstills – sie kommen dem Gemälde Hoppers noch am nächsten. In den Szenen, in denen Bewegung das nachempfundene Bild belebt, werden die ursprünglich von Hopper so verschlüsselten „Geschehnisse“ auf einmal erklärter und spannungsloser. Die selbst wahrgenommene eher geheimnisvoll poetische Wirkung wird durch die Wenders-Geschichte banalisiert. Aus dem „Allein“ im Geschehen wird ein „Miteinander“ und ein logisch erscheinender Zusammenhang. Der Mann an der Zapfsäule – ohne das Drumherum – wird im Film zum Tankwart in Aktion.

Interessant und voller Spannung die Skizzen, Bleistiftzeichnungen: der vorbeifahrende Zug. Und alles bleibt offen.

Ein Zitat drückt den Unterschied zwischen der Wirkung von Gemälde und Film am Besten aus: „Kunst ist in so hohem Maß ein Ausdruck des Unbewussten, dass mir scheint, dass sie dem Unbewussten das Wichtigste verdankt und das Bewusstsein nur eine untergeordnete Rolle spielt.“