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Hansi hinterlässt eine Lücke.

Seit 3 Jahren war ich wohl derjenige, mit dem Hansi viel und fast täglich gesprochen hat.

Wie hat alles angefangen?

Die Besuche begannen vor etwa 3 Jahren, anfangs unregelmäßig, dann nahm die Häufigkeit zu. Er kam dann immer häufiger dazu, wenn Steffi und ich – Piet im Kinderwagen – draußen auf der Bank vor dem Laden saßen.

Zunächst hatte mich verwundert , dass er sich als Hansi vorstellte und auch darauf beharrte, so genannt zu werden. Ein Cousin von mir wurde Zeit seines Lebens von der Verwandtschaft Hansi genannt – auch noch als über 60 jähriger Mann. Für einen Jungen mag das passen, für einen erwachsenen Mann eher nicht. Mit dem Namen habe ich mich dann arrangiert: Hansi.

Aber so wie er sich nannte und nennen ließ, so war er auch: er war der große Junge.

Der große Junge mit seinen Erzählungen, Erzählungen aus seiner Wirklichkeit. So, wie seine Wohnung die Welt zeigte, wie er sie sich gestaltete, so erzählte er uns seine Geschichten – erlebte, erfundene – wir konnten sie oft nicht glauben, vielleicht waren sie für ihn real und er glaubte sie selbst. Seine Erzählungen von seinen verschiedenen Tätigkeitsfelder: Fotograf, IT-Fachmann, Leiter des ersten Apple-Shops in Rastatt, Dozent von Seminaren, Unternehmensberater und dann die verschiedensten Firmen bei denen er schon gearbeitet hatte. Nicht zu vergessen seine Karriere als Türsteher, Boxer, Textilfachmann.

Ein großer Junge in seiner eigenen Wirklichkeit.

Wir baten ihn eines Tages, doch einmal seinen Lebenslauf zu schreiben, weil wir seine einzelnen Lebensstationen in ihrer Verstrickung nicht mehr auseinander halten, ordnen und eigentlich auch nicht mehr ernst nehmen konnten.

Verwirrung.

Und immer mehr wurde er zum Geschichtenerzähler. Geschichten, Legenden, Märchen – vielleicht eben einfach eigene Träume, die er selbst glaubte..

Ein großer Junge in seiner Wirklichkeit.

Die Häufigkeit und Dauer der Gespräche nahmen zu. Und immer fand er etwas oder brachte etwas mit, um darüber ein Gespräch zu führen: mal war es ein Artikel aus den BNN, mal ein Zitat aus einem Buch, mal ein Kurzbericht aus einer Fernsehreportage, mal eine Erfolgsmeldung über eine in der Nacht günstig ersteigerte Uhr. Und natürlich auch Beobachtungen der Ereignisse oder Menschen, die er von seinem Balkon gesehen, beobachtet, sich geärgert hatte. Da bekam er von uns den liebevoll gemeinten Titel: Blockwart.

Der große Junge – und als dann Corona begann und wir die Besuchszeit auf 30 Minuten begrenzten, wurde der große Junge wie ein kleiner Junge, der eigentlich auf Geheiß der Eltern ins Bett gehen sollte und dem doch immer wieder noch eine Frage einfiel, um den Zeitpunkt des Hinaufgehens hinauszuzögern.

Das tägliche Gespräch und die nahezu tägliche Begegnung pflegte er – immer mit Redefluss und ein Bisschen Besserwisserei.

Der große Junge erzählte aus seiner Welt, aus seiner Höhle, in der der Fernseher die Verbindung zur Welt war.

Eine Lücke hinterlässt er, die Lücke, die in seinem Leben nie vorkam, weil er sie mit Bildern, Erzählungen, seinen Geschichten füllte.

Der große Junge Hansi

  • ein Urgestein der Oststadt,
  • in seinen Geschichten, Legenden und Berichten schlau,
  • er verstand es, die eigenen Lücken zu überspielen und sie mit seinen Bildern und Erfindungen zu füllen,
  • er gestaltete seine Wohn-Höhle in seinem Stil,
  • stellte seine Träume dar,
  • umgab sich mit seinen Bildern.
  • Er hat es verstanden, sich und seine Welt mit seinem Lebensstil zu inszenieren.
  • Und wenn er sich auch oft voller Schmerzen in den Laden quälte – im Gespräch und vor allem beim Auspacken seiner Schachteln zeigte er eine kindliche Freude.

Der große Junge Hansi – er hinterlässt eine Lücke.

 

 

Text: Benno Kotterba, gelesen bei der Urnenbeisetzung am 28.08.2020.

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