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Palimpsest – Überschreibungen

Der Begriff „Palimpsest“ kommt aus der Handschriftenkunde und bezeichnet ein Schriftstück, dessen ursprünglicher Text zunächst abgeschabt und dann überschrieben wurde. Papier gab es noch nicht; das teure Material Pergament wurde so mehrfach benutzt. Heute können an solch alten überschriebenen Schriftstücken die Spuren und Fragmente unter dem neuen Text sichtbar gemacht werden. Wir kennen es auch: Tintenkiller, Tippex, Ausradieren.

Der Begriff  „Palimpsest“ wird aber auch im übertragenen Sinne gebraucht: Überschreibungen als Metapher für kreative und geistige Prozesse. Durch Überschreibungen entstehen Ebenen, die sich überlagern, vom Früheren ins Neuere wirken. Das Ältere wirkt ins Jüngere hinein. Es werden Bedeutungsschichten angesprochen, die normalerweise unter den sicht- und hörbaren Ebenen liegen und verdeckt sind. Ein Werk wird dadurch mehrschichtig. Wir kennen es auch aus anderen Medien. So bietet beispielsweise der Film „Lawrence of Arabia“ oberflächlich gesehen eine unterhaltsame und spannende Geschichte. Er kann aber auch als Männergeschichte, als Schwulenbiographie oder auch als kritische Auseinandersetzung mit dem britischen Kolonialismus gesehen werden.

Noch weitergehend kann „Palimpsest“ auch die eigenen Überschreibungen metaphorisch bezeichnen. Wir selbst sind geprägt durch die Erlebnisse, Ereignisse, Begegnungen, Beziehungen der unterschiedlichen Lebensalter und Lebenswelten, die Schicht für Schicht vorheriges Überschreiben und dennoch das Frühere ins Jüngere hineinwirkt.