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Bild 1: Asemischer Text eines Teilnehmers

Mit der Schrift tanzen – Asemic Writing

Workshop mit Benno Kotterba

Wir sind umgeben von Bildern und Schrift, lesbarer Schrift. Natürlich erfinden Texter schon einmal neue Worte, vor denen man erst einmal fragend steht: winterfest, Verhaarungscreme, Einkehrung, Ankerzentren usw. Ob sie eine Bedeutung haben, sinnvoll sind oder vielleicht sogar etwas verstecken wollen, sei dahingestellt. Immerhin kann man sie lesen, sie sind mit lesbaren Zeichen geschrieben und haben noch einen sprachlichen Bezug.

„Asemisches Schreiben“ bezeichnet ein Schreiben ohne sprachlichen Bezug. Das Geschriebene ist entweder nicht lesbar oder beim Schreiben schon mit Absicht als nicht lesbar gestaltet. Eine asemische Handschrift verwendet keine bekannten Zeichen, oft ist es der Gestus, der Ausdruck, das Schriftbild, das in den Vordergrund rückt (siehe Bild 1).  Das Handgeschriebene wird Ausdruck eines Gedankens, wird Bewegung, hat Dynamik und hält ein Geheimnis fest gleich einer Geheimschrift (Beispiele in den Bildern von Cy Twombly). Es gibt natürlich auch ein „asemisches Schreiben“, das Zeichen benutzt, die dem Leser unbekannt sind und deswegen auch keine Bedeutung haben (siehe Bild 2 – eine Seite aus dem Voynich Manuskript, ein Buch, das bis heute nicht enträtselt (decodiert) ist.

„Asemisches Schreiben“ bildet damit gerade den Gegensatz zu dem, was Schrift heute leisten muss: alles muss Bedeutung haben. Wir leben in einer Welt des Kodierens und Dekodierens von Nachrichten aller Art, die Inhalte werden zu Zeichenfolgen abstrahiert. Meist auch noch durch Einsatz von Maschinen. Mit Asemic Writing lösen wir uns von der Funktionalität und Zweckmäßigkeit.

In diesem Kurs werden wir uns dem „Asemischen Schreiben“ in zwei Richtungen nähern: von einem lesbaren Text zu einem gestischen Ausdruck kommen, in dem das Schriftbild die inhaltliche Bedeutung aufnimmt und in einen handschriftlichen Gestus überleitet (ähnlich dem Bild 1). Die zweite Richtung folgt eher dem Bild 2. Es wird eine Collage aus einem Bild und einem asemischen Text bestehen, der mit unbekannten Zeichen geschrieben den Inhalt oder das Dargestellte beschreibt.

Termin: Sa – So11.-12. Juli 2020
Zeit: Sa. 11 Uhr bis 17 Uhr, So. 11 bis 16 Uhr
Ort: Schrifthof im Alten Laden, Gerwigstraße 34, Karlsruhe
Teilnehmerzahl: max. 4
Gebühr:  180,- EUR (Mitglieder 150,- €) inkl. Materialkosten

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Entwicklung und Verwendung des Asemic Writing

„Asemic Writing / Asemischem Schreiben“ ist traditionell „unlesbar“. 1997 verwendeten die visuell arbeitenden Poeten Tim Gaze und Jim Leftwich das Wort asemic, um ihre quasi-kalligrafischen Schreibgesten zu benennen.

Sie begannen dann, sie sowohl online als auch gedruckt an Poesiezeitschriften zu verteilen. Die Autoren untersuchten sub-verbale und sub-letterale Formen des Schreibens und textliche Asemie als eine kreative Option. Seit den späten 1990er Jahren hat sich Asemic Writing zu einer weltweiten literarisch-künstlerischen Bewegung gemausert. Sie ist besonders in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts gewachsen, obwohl es bereits eine lange und komplexe Geschichte gibt, die den gegenwärtigen Aktivitäten vorangeht. Hier ist besonders die abstrakte Kalligraphie in der Form des wortlosen Schreibens zu nennen.

Asemic Writing tritt in der avantgardistischen Literatur und Kunst mit starken Wurzeln in den frühesten Formen des Schreibens auf. Die Geschichte der heutigen Asemic Bewegung geht auf zwei chinesische Kalligraphen zurück: den „verrückten“ Zhang Xu, einen Kalligraph der Tang-Dynastie (um 800), der berühmt für seine unleserliche Kalligrafie war, und den jüngeren „betrunkenen“ Mönch Huaisu, der sich auch mit unleserlicher Kursivschrift auszeichnete Kalligraphie. Später erweiterten japanische Kalligraphen den chinesischen abstrakten kalligraphischen Ausdruck durch Hitsizendō (den Weg des Zen durch den Pinsel), so dass ihre Werke die formale Präsentation hinter sich lassen und „mit der Vitalität der ewigen Erfahrung atmen“.

In den 1920er Jahren schuf Man Ray, der von Dada beeinflusst war, mit seinem Gedicht Paris, Mai 1924, ein frühes Werk des wortlosen Schreibens, das nichts weiter ist als Striche auf einer Seite. Später in den 1920er Jahren begann Henri Michaux, der von asiatischer Kalligraphie, Surrealismus und Automatic Writing beeinflusst wurde, wortlose Werke wie Alphabet (1925) und Narration (1927) zu schaffen. Michaux bezeichnete seine kalligrafischen Arbeiten als „innere Gesten“. Der Schriftsteller und Künstler Wassily Kandinsky war ein früher Vorläufer der asemischen Schrift, wobei sein lineares Stück Indian Story (1931) eine vollständige textuelle Abstraktion darstellt. In den 1950er Jahren gab es Brion Gysin (dessen Kalligrafie von arabischer und japanischer Kalligrafie beeinflusst wurde), Isidore Isou (der Lettrisme gründete), Cy Twombly (ehemaliger Cryptologe der US Army) und Morita Shiryū / Bokujin-kai Group (Ink Human Society) alle erweiterten das Schreiben in unleserliche, abstrakte und wortlose visuelle Markenzeichen.

Ohne Worte zu sein, sagt nichts und sagt alles.

 

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