0171-3621901 post@schrifthof.de

Ein wenig vorbereitet sind wir schon gefahren: hie und da Presseartikel (FR, FAZ, Monopol, Art magazin) aber da geht es mir wie mit den Audioguides, die in den Museen angeboten werden. Ich will keinen gelenkten Blick, ich will mich bezaubern lassen, irritieren, verzweifeln, ratlos sein und sprachlos werden oder restlos begeistert.

Schweizer Pavillon

von Alexander Birchler und Carol Bove

Und es gab diese Momente der Überraschung, der Innigkeit, einer leisen Tiefgründigkeit, die zu Tränen rühren kann und doch nur von einem Leben erzählt, das einfach verloren ging. Im Schweizer Pavillon im Eingang das Foto eines Paares an einem Tisch, Er, Alberto Giacometti, zwischen ihnen die Büste des Künstlers, von der Frau, Flora Mayo, Künstlerin, geschaffen, die ihm gegenüber sitzt. Im Saal ein Film. Der Sohn der Flora, inzwischen 81-jährig zeigt kleine Aufnahmen seiner Mutter, große Verzweiflung in seinen Augen, der von der Zeit der Mutter in Paris nichts wusste, nichts von der Liaison mit Giacometti, nichts von der Kreativität und der Einsamkeit seiner Mutter, die zurück nach Amerika gerufen wurde und damit das Ende der Verbindung besiegelt war.

Roland Barthes beschreibt in „Die helle Kammer“ seine Erfahrung mit Fotografien seiner Mutter, die die Zeit vor seiner Geburt festgehalten haben, es sei schwer auszuhalten, dass sie ein Leben vor seiner Geburt hatte. Wie schwer muss es sein, von einem Leben vor der Geburt zu erfahren, das den immensen Verlust einer Liebe und einer Kreativität restlos verschwiegen hat. Es öffnet den Bereich der Trauer und des Zweifelns.

Damian Hirst

Treasures from the Wreck of the Unbelievable

Benno hat mit seinen Fotos genügend Einblick in die Ausstellung gegeben. In der Tat hat mich diese grandiose Inszenierung der Konfusion von Phantasie, Wirklichkeit, Fake, Größenwahn und Machtwillen beeindruckt und abgestoßen zugleich.

Man muss wissen: vor 10 Jahren hat Hirst seine Pop-Art Inszenierungen (Hai, Kalb, Schädel diamantenbesetzt usf.) nicht in den Handel sondern direkt in eine Auktion gegeben. Das hat den Kunsthandel verwirrt, Galeristen erzürnt und ihm 200 Mio. Dollar beschert. Mit der Bankenkrise 2008 haben seine Objekte einen immensen Verlust auf dem Kapitalmarkt erfahren.  Hirst hatte jedoch genügend Kapital, sich mit der Planung und Durchführung unter dem Motto “größer, höher, weite” mit einem Paukenschlag in Venedig zurückzumelden.

Im Eingang zur Dogana steht der sinnige Untertitel zu seinem Panoptikum:

Somewhere Between Lies and Truth Lies the Truth

Für mich sind die horrenden Sammlungen von Illusion und Täuschung nur platte Tropen: Sie eröffnen nicht, sie nutzen sich ab. Immer die gleich gefärbten Korallen, Pockenmuscheln, rot/violett vertrocknete Seeanemonen auf Riesenbroncen.

Eine unermessliche Materialschlacht (alles 3x: Bronce, Mamor oder Stein), eine Gigantomanie der Pop-Art, was immer Zeichen einer Auflösung oder eines Endpunktes ist. Dennoch ist Humor in allem dahinter: Wenn das Schiff der Legende nach vor 2000 Jahren untergegangen ist, wie kommt der Aztekenkalender mit seinen fast 5 Metern Durchmesser da hin? Er müsste nicht nur von Mittelamerika an die afrikanische Ostküste geschippert worden sein, nein, auch noch auf eine Zeitachse 500 Jahre zurücktransportiert. Unbelievable. Und die Büste einer Frau, mit Blattgold belegt, die Kate Moss aus dem Gesicht geschnitten ist? Ja und nochmal Mickey und Goofy. Wer oder was soll hier geistige Frakturen erleiden? Die Kunst, der Betrieb, der Betrachter, die Show………

Ist es Zufall, dass fast gleichzeitig zum Beginn der Biennale dem Film von Östlund die „Goldene Palme“ in Cannes verliehen wurde (!?!?), eine wunderbare Hohldrehe des Galerien- und Museumsbetriebes, jedenfalls in dem, was ausschnitthaft gezeigt wurde?

Cuba

Gegen diesen Aufmarsch finanzieller Kapazitäten nimmt sich im kleinen Raum im Palazzo Loredan die Demonstration des hölzernen Ersatzes lustig, hintersinnig und politisch superb an.

Zeit

Viele Exponate resp. Künstler beziehen sich auf das Erleben von Zeit. Sehr oft stehen in den Kurzbeschreibungen auf italienisch/englisch die Wörter Eternity oder Infinity. Und bei Vielen der Installationen kommt wirklich ein Innehalten und eine Bedachtsamkeit. Sie schwimmen gegen den Strom der schnellen Konsumption und des Bilderschießens. Langsamkeit lässt sich fotografisch nicht inszenieren. Hier kehren sich die Verhältnisse um: die Zeit schreibt, oder gräbt. Was wir nicht in der Abfolge sehen können, weil da etwas zu schnell geschieht, ein Tintentropfen fällt, aber in welchem Zeitabstand, ein Wassertropfen bohrt an immer gleicher Stelle in einen Stapel Papier. Wir sehen das Resultat, eine durch Wiederholung langsam sich verändernde Oberfläche. Was für eine Erholung gegen die vielen Dunkelräume in denen Videos zum Teil sehr laut ablaufen. Generell findet man immer wieder die hellen Räume der Objekte und die Dunkelkammern der rasanten Bewegungen nebeneinander. Ich meide sie oft, weil ich zuviel gar nicht verarbeiten kann.

Der Feger, der 1001 Tag in dunklem Raum immer nur um ein spärlich beleuchtetes Sandquadrat herumfegt, macht rinnende Zeit durch ihre Vergeudung erfahrbar. So what?

Maria Abramovic

In einer Kirche auf Giudecca finden wir drei Installationen der aus Serbien gebürtigen Künstlerin unter dem Titel: „La cucina abandonata“.

Drei Videos, die jeweils einem Standbild gleichen: Holding the Milk, The Leviation of Saint Theresa und Vanitas. Alle drei Performances befassen sich mit Mystik und Zeit.

Mit einer immensen Selbstdisziplin, aus dem eigenen Körper ein Standbild zu machen, vermag es die Künstlerin, dem ersten Bild der Performance, Frau mit Milchkrug, eine Aura der Abwesenheit zu verleihen. Sie steht in der Küche in schwarzem Kleid, der Milchtopf in ihren Händen ist randvoll und die Milch bewegt sich leise, dem Zittern der Körperkonzentration folgend. Nach einer Unendlichkeit der Stille und Eindrücklichkeit vermag sie die Position nicht mehr zu halten, die Milch schwappt über und befleckt Boden und Kleid. Es ist nicht das Ereignis, es ist der Körper, der in den Vordergrund rückt. Er ist der Garant des Wirklichen, er steht in einer Zumutung.

„Die wesentliche Ferne ist das Unnahbare“(Walter Benjamin)

Pavillon von Australien

Tracy Moffatt

Ich muss sie zeigen, die Fotoarbeiten von  Tracy Moffatt. Großformatige  Sepia – Fotografien. Eine Poesie des Blickes. Natürlich sind es Inszenierungen, aber sie zünden eine „Imagination“ an: ich merke, wie ich selbst das Script für einen Film oder einen Roman entwickeln möchte.

Auch hier, aber ganz anders, steht der Körper, ob als Schattenriss oder real abgebildet im Vordergrund und auch hier das Spiel von An- und Abwesenheit. Einfach schön.

 

Tunesien, 3 Holzhütten verteilt auf dem Gelände von Arsenale

„The Absence of Path“

Ich habe ihn und wahrhaftig mit meinem Daumenabdruck belegt: den global gültigen Reise-Ausweis, einen sogenannten „Freesa“. Und gemäß den erdachten Statuten sollte mir dieser blaue Ausweis ein Recht geben, überall auf der Erde leben zu können/dürfen/ wollen. Ich habe diesen Ausweis im Sale d`Armi auf Arsenale erworben und kann bezeugen, dass Benno den gleichen Status hat.

Wunderbare Idee, für ein halbes Jahr ist Venedig ein Mikrokosmos der ganzen Welt, wo sich Künstler und Besucher, frei von Ballast und Klassifizierungen begegnen können. Das sollte nicht nur in Venedig möglich sein. Eine Klatsche für alle, die freien Verkehr unter Bewahrung der Außengrenzen……., die Zäune bauen oder Einreisebeschränkungen für ethnische, religiöse ………..

Verwundert mich, dass das der Beitrag von Tunesien ist.

Jan Fabre

Glas & Bone Sculptures

Ich habe diesen Allround-Künstler so verehrt, wollte unbedingt seine Ausstellung sehen: Vergesst es!  Schädel aus Pressglas, Knochenhaufen aus Pressglas. Auf einem Haufen – dieser – rechts eine Vagina, auf dem linken Haufen – jener – einen Penis,  so what.

Ich weiß nicht mehr genau, wann das war,  da habe ich eine Theaterinszenierung von Jan Fabre gesehen, in Frankfurt, Titel: The Sound of One Hand Clapping. Toll. Die Ausstellung hier? Basta cosi. War hohl und stumpf – just a sound of one hand clapping.

The Boat is Leaking. The Captain Lied“

Die wohl interessanteste Ausstellung war im Ca` Corner: „The Boat is Leaking. The Captain Lied“. Kluge/ Demand/ Viebrock. Da sind wir zweimal rein und haben so viel Übersehenes entdeckt, z.B. Helge Schneider als G7-Gipfelstürmer. Wir hätten die ganze Woche hier verbringen können.

Benno hat schon viel geschrieben. Auch hier: Mehr Inn-Bild als bloßes Abbild möglich.

Abgesehen von der Aktualität dieses Titels: Wem es in die Hand kommt: Kluges Büchlein „Abschied von Gestern“ ist so lesenswert.

… und dann ???

Tausend Sachen mehr gesehen, das Wunderbare: Du kannst nicht rekapitulieren, Du kannst nicht alles wiedergeben. Und auch die Fotos geben nur ein Bild, entkleidet allen Gesummes und der Aura, die die Dinge vor Ort entfalten. Vieles wird überlagert, ist aber irgendwo im Kopfe und wird sich seinen Weg suchen oder versacken.